Artikel vom 6. Mai 2010 auf shz.de / 7. Mai in den Tageszeitungen des sh:z
Wo Gas-Kontrolleure in die Luft gehen Hat eine Gasleitung ein Leck? Wird zu nah an einem Rphr gebaut? Eon Hanse lässt das jeden Monat von einer Hubschrauber-Besatzung kontrollieren.
Die Rotorblätter des schwarz-gelben Hubschraubers drehen sich, gleich wird die Robinson R44 "Raven II" vom Flugplatz Rendsburg-Schachtholm abheben. An Bord: Pilot Roland Meißner (60) und Beobachter Thomas Hertwig (42) von Air Lloyd. Sie haben eine Mission: Im Auftrag von Eon Hanse kontrollieren sie die Hochdruck-Gasleitungen in Schleswig-Holstein.
Aus 150 Metern Flughöhe könnten Meißner und Hertwig erkennen, ob eine Leitung defekt ist. Gäbe es ein Leck, wäre die Vegetation über der Leitung braun statt grün. Vorgekommen ist das laut Eon Hanse bisher aber noch nicht. Ein größeres Augenmerk legen die Kontrollflieger auf Bautätigkeiten in der Nähe der Leitungen. "Sechs Meter müssen links und rechts der Leitung aus Sicherheitsgründen frei bleiben", sagt Hertwig. Nicht immer würden sich Bauherren daran halten. Hertwig erinnert sich an einen Flug, auf dem er Arbeiter auf einem Feld entdeckte - drei Meter neben einer Hochdruck-Gasleitung. "In so einem Fall landen wir und stoppen die Arbeiten." Glück für die Männer am Boden - sie wussten nicht, wo die Leitung verläuft.
Hochdruckleitungen - "Autobahnen des Gasnetzes"
Damit solche Überraschungen ausbleiben, hat jeder Bauherr die Pflicht, Leitungsauskünfte einzuholen. "Weil sich aber nicht alle daran halten, sind diese Flüge wichtig", sagt Jens-Peter Solterbeck. Der 40-jährige Ingenieur ist Leiter des Netzcenters von Eon Hanse in Fockbek. Dort bewachen er und seine Mitarbeiter 900 Kilometer Gasleitungen, 330 Kilometer davon sind Hochdruckleitungen. Insgesamt unterhält Eon Hanse in Schleswig-Holstein 15.000 Kilometer Gasleitungen, 2000 davon mit Hochdruck. "Sie sind quasi die Autobahnen unseres Gasnetzes", erklärt Solterbeck. Mit bis zu 70 bar wird das Erdgas durchs Land gedrückt - das ist 35 mal mehr Druck als ein Autoreifen hat. Bis das Erdgas mit weniger als einem bar an den Wohnhäusern ankommt, wird der Druck in mehreren Stufen herunter geregelt.
Durch die runden Glasscheiben des Cockpits sehen Hertwig und Meißner die Dächer Rendsburgs. Mit knapp 200 Stundenkilometern fliegen sie darüber hinweg. Vor ihnen liegt die Kanalbrücke. Ein Laptop auf den Knien von Thomas Hertwig zeigt den Männern den Verlauf der Gasrohre an. Über GPS gibt das Gerät die aktuelle Position des Helikopters wieder. An einer Straße finden rege Bauarbeiten statt. "Die sind eingetragen, da ist alles okay", sagt Hertwig.
"Da sind Vermesser. Da könnte jemand bauen wollen"
Außerhalb der Stadt weisen "Trassenhauben" auf die Gasleitungen hin: rote Schilder mit Nummern auf gelben Pfählen. Sie sind in unregelmäßigem Abstand entlang der Rohre gesetzt. In Rendsburg hat der Beobachter keine Beanstandungen gehabt. Kurz vor dem Ende der letzten heute zu kontrollierenden Hochdruckleitung, über einer Landstraße nach Elsdorf-Westermühlen, fallen Hertwig nun aber zwei orangefarbene Kleinbusse und Menschen mit Signalwesten auf. "Das sind Vermesser. Hier könnte demnächst jemand bauen wollen", sagt er. Das trägt er in den Laptop ein. "Alle Entdeckungen unseres Fluges werden erfasst und an Eon übermittelt." Für die Weiterverarbeitung der Daten sind Jens-Peter Solterbeck und seine Mitarbeiter zuständig. "Wir wissen jetzt, dass sich dort etwas tut und können ein Auge darauf haben", erklärt der Ingenieur.
Einmal im Monat wird das komplette Hochdruck-Gasnetz abgeflogen. Die Kontrollen per Hubschrauber durchzuführen, klingt teuer und aufwändig. Aber Solterbeck erklärt: "Viele Trassen laufen querfeldein. Die alle am Boden zu kontrollieren, würde viel mehr Zeit und Geld kosten." Für die Instandhaltung seines Gasnetzes gibt allein das Netzcenter Fockbek jedes Jahr rund 1,1 Millionen Euro aus.