head-cloud-textpicto02

Letzte Aktualisierung:
05.05.2012

Von einer Idee zum Mini-Computer

2011-07-17-smartphones1-01

Sie sind kleine Computer, die in jede Tasche passen. Er ist der Mann, der Smartphones ihr Aussehen verleiht. Claude Zellweger ist Designer und erzählt, wie die Geräte entstehen.

Das Gebäude wirkt wie ein alter Lagerschuppen: schlichte weiße Wände und hohe Decken mit Stahlbalken. In Regalen stehen Schuhe, Möbelmodelle und Mobiltelefone in zahlreichen Entwicklungsstadien. 2011-07-17-htc-oneandco-inEin paar Schreibtische im Großraumbüro bieten Platz für 20 Mitarbeiter. Sie entwickeln bei "One&Co" die kleinen Computer, die jeder überallhin mitnehmen kann. Die Agentur ist eine Tochterfirma des taiwanischen Smartphone-Produzenten HTC.

Die Branche wächst rasant, die Verkaufszahlen der mobilen Allesönner steigen ungebremst. 2010 wurden weltweit 87,65 Millionen Smartphones verkauft - 72 Prozent mehr als im Jahr davor, berichtet das Marktforscherungsunternehmen Gartner. HTC setzte fast 25 Millionen Geräte ab. Im ersten Quartal 2011 waren es bereits 9,3 Millionen.

Der Mann, der Apple das Fürchten lehrt

Im Backsteinbau in San Francisco lehnt sich Claude Zellweger (Bild oben) lässig an ein Regal. Er ist der Mann, der laut Wirtschaftsmagazinen Apple das Fürchten lehrt. Der große, hagere Design-Direktor hält sein neuestes Schmuckstück in der Hand: ein Smartphone mit 3D-Technik. Zwei Kameralinsen liefern dreidimensionale Fotos. Auch das Display des "HTC Evo 3D" stellt alles dreidimensional dar. Doch der gebürtige Schweizer ist skeptisch: "Dies ist nicht die Zukunft. Die Technologie ist nett, wird aber nicht zum Standard." Er lasse sich von Mitbewerbern inspirieren, aber nicht beeinflussen, sagt Zellweger. Seine Inspiration bekommt er aus Modetrends, Architektur oder Möbeln.

2011-07-17-htc-regalTechnik mit gutem Aussehen und angenehmer Haptik zu verbinden ist die Aufgabe der Designer. Die größten Barrieren sind Display, Antenne und Akku. "Der ist nun mal ein Klotz", sagt Zellweger. Das sei auch das Problem, weshalb die Energieausbeute so schwach ist. Ein Smartphone muss bei normaler Nutzung täglich aufgeladen werden. "Es gibt andere Lösungen, aber die sind noch sehr teuer", sagt Zellweger. Darin liege die Kunst eines jeden Designers: "Wir alle können tolle Dinge entwerfen. Aber sie müssen bezahlbar sein." So kostet etwa der erste funktionsfähige Prototyp eines einzelnen Handys in der Herstellung 8000 US-Dollar.

Im ständigen Austausch mit Technikern

Technisches Verständnis braucht ein Designer nicht zwingend, sagt Zellweger. "Das bekommt er automatisch." Alle zwei Wochen telefoniert er mit Technikern, um sich auszutauschen. Sie entwickeln neue Antennen, Platinen, Displays und Akkus, deren Formen der Designer bei seinen Vorstellungen umsetzen muss.

Inzwischen ist eine Kamera bei einem Smartphone schon obligatorisch. Doch bei den meisten Modellen lässt die Qualität der Bilder zu wünschen übrig. "Das wird anders", ist sich Zellweger sicher. "Die Jagd nach immer mehr Pixeln ist vorbei. An der Qualität der Kameras wird gearbeitet, sodass sie bald weitaus bessere Ergebnisse liefern."

"Personalisierung wird wieder ein großes Thema"

Designer brauchen Freiräume für ihre Kreativität. Deshalb haben sich Zellweger und seine Kollegen die Möglichkeit bewahrt, auch andere Dinge zu entwerfen. Mäuse und Tastaturen für Microsoft, Schuhe für den Snowboard- und Inlineskates-Hersteller K2, Kopfhörer und sogar Möbel entstehen bei "One&Co".

2011-07-17-htc-coversWas wird die Zukunft auf dem Smartphonemarkt bringen? "Personalisierung ist wieder ein großes Thema. Die Menschen möchten ihre Geräte einzigartig machen und sich durch sie repräsentieren lassen. Als Designer müssen wir darüber nachdenken, wie wir das realisieren." Nokia probierte das schon einmal mit austauschbaren Covern. Doch dabei kam Schmutz ins Gerät. "Man kann vieles mit Farbe machen. Über diese Eigenschaft sprechen Menschen als erstes", weiß Zellweger. Für ihn ist es denkbar, dass ein Handymodell in vielen verschiedenen Farben erhältlich sein wird. Etwas individuell ist von HTC schon das "Sensation": Das gibt es in spezieller Linkshänder-Version.

Von der ersten Idee bis zum verkaufsfähigen Mini-Computer für die Hosentasche muss rund ein Jahr Entwicklungszeit eingeplant werden. Das schnellste Modell hatten Zellweger und seine Kollegen in sechs Monaten fertig. Die erste Design-Idee wird in einen Plastikblock gegossen und dann immer mehr verfeinert, wie das Beispiel des Modells "Incredible S" zeigt:

2011-07-17-smartphones1-05

Neben dem Äußeren eines Smartphones zählen auch seine inneren Werte. Wie die Software entsteht, beschreibt Teil 2.

Veröffentlicht auf shz.de am 17.7.2011. Fotos auf dieser Seite von Adrienne Aubry